Susanne Schlusnus

PHYSIOBOE

Rezensionen Buch PHYSIOBOE


Das Orchester (07/08 2022 S. 61)

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'rohrblatt (Jahrgang 37 2022 Heft 3, S. 116)

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Physioboe - Nur "Oboe" oder doch mehr?         

Physioboe", eine neue Herangehensweise der (Oboen-)Didaktik von Susanne Schlusnus. Tiefgründig, nahezu detalverliebt, untersucht die Autorin Krankheitsbilder und historisch pägagogische Grundsätze und entwickelt aus ihren jahrzehntelangen Erfahrungen und Forschungen als Oboistin, Pädagogin, Physiotherapeutin und Heilpraktikerin für Psychotherapie einen Ansatz das Lernen und Musizieren ganzheitlich neu zu betrachten und zu verstehen.

Das Buch, 382 Seiten im Softcovereinband, ist im März 2022 bei Aulos erschienen und liegt im handlichen Premium Format (170X220) vor. Das Design des Covers (schattiertes Graublau) verweist nicht direkt auf ein Werk moderner, innovativer Ideen, doch der zweite Blick bleibt am Titel haften. Verwirrt versucht man "Physioboe" einzuordnen und wird schon in den Grundgedanken dieses Lebenswerkes hineingerissen. Inne halten, alte Muster überdenken und Alltägliches neu bewerten. Wir werden sehen, dass alle Holzbläser von diesen Ansätzen profitieren können.

Es beginnt mit einer Schocktherapie. Offen und klar werden die gesundheitlichen Probleme eines Holzblasinstrumentes, hier der Oboe, benannt und anhand von Aussagen und Beispielen dezidiert dargestellt. Die daraus resultierende Notwendigkeit einer ganzheitlichen Instrumentalausbildung wird auf den folgenden Seiten  des ersten Teils "Allgemeinen Überblick" historisch betrachtet und deren Wegbereiter und Wirken umfangreich belegt. Doch die vielen Zitate im Fließtext und der ihnen eigene Sprachstil hindern gelegentlich das lustvolle, nahezu belletristische Durchlesen im sonst klaren und flüssigen  Schreibstil von Susanne Schlusnus.

Im zweiten "spezifischer Teil" geht es nun ins Eingemachte. In drei Themenkomplexe unterteilt wird der Leser, nach einer physiologisch-energetischen Grundlagenbildung, in die "Oboistisch-musikalische Aspekte" geleitet. Doch der Titel kann problemlos überlesen werden, es könnte ebenso "Holzbläserisch ... Aspekte" lauten, und führt, wissenschaftlich sauber fundiert, zu neuen Ideen und Erkenntnissen des alltäglichen Spiels. In zehn Bereiche (Haltung, Atmung, Klang ...) seziert wird ein physiologisches , ganzheitliches Herangehen vorgestellt, gezielte Übungen angeboten, durchleuchtet und mit Erfahrungsberichten ergänzt.  Da ganzheitliches Lernen mit bloßem Durchlesen nicht in seiner Vielschichtigkeit  verstanden werden kann, verweist Susanne Schlusnus immer wieder auf das kommende Praxisbuch, welches dann wohl im ganzheitlichen Sinne Bilder und Graphiken (eine DVD?) beinhaltet, die in dieser Publikation, mit Bedacht, gänzlich fehlen.

Am Ende des zweiten Themenbereichs befindet sich das von ihr selbst so betitelte "Herzstück": "Zen in der Kunst des Oboespiels" (siehe: Eugen Herrigel). Es beschreibt Wege, Musizieren als energetisch mystische Erfahrung "geschehen" zu lassen und sich als Teil eines größeren Ganzen wahrzunehmen. Abschließend  werden im letzten Themenkomplex "Coaching" psychologische, mentale Techniken beschrieben, sei es für das moderne, empathische Unterrichten, das selbstreflektierte Üben im Flow, oder das Bewältigen von Angst im allgemeinen oder beim Musizieren.

Fazit: Es macht Spaß dieses Buch zu lesen. Wissenschaftlich sauber fundiertes Wissen wird mit ganzheitlichen Methoden  zu einer modernen (Oboen-)Pädagogik verwoben. "Physioboe"  bietet in seinem flüssigen, klaren Sprachstil genügend Potenzial auch alteingessesene Gedankenwelten zu bewegen.

Thomas Sattler-Fujimoto